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Autor: Denise Rankwiler

Was tun, wenn die Erinnerungen hochkommen?

Der Tod ist das Ende eines Lebens, aber nicht einer Beziehung. Was nach dem Tod eines geliebten Menschen passiert, ist höchst individuell. Es gibt viele verschiedene Wege, wie man damit umgehen kann. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Hier zeige ich ein paar mögliche Strategien auf, wie wir mit grossen Jahrestagen wie Geburts- und Todestagen unserer Liebsten umgehen können.

Wichtig: Dieser Artikel basiert auf meiner individuellen, persönlichen Erfahrung. Die Beziehungen zu unseren Mitmenschen sind genauso vielfältig, wie unser Umgang mit Trauer. Der Inhalt des folgenden Textes mag darum nicht auf deine Situation passen und ersetzt keine professionelle Hilfe.

Warum ich genau heute diese Zeilen schreibe? Genau heute vor zwei Jahren verstarb mit meinem Grossvater mein letzter Grosselternteil und ich sehe gerade wieder sehr intensiv, welche Strategien mir helfen, meine Stimmung an solchen Tagen aufzufangen. Hier also meine Auswahl – und ich hoffe, du findest etwas darunter, das auch dir hilft.

Zeit mit anderen verbringen

Gestern hab ich sie schon gespürt, diese Schwere im Herzen. Ich habe immer wieder gedacht «Heute vor zwei Jahren habe ich das letzte Mal einen Grosselternteil von mir lebend gesehen.» und immer wieder tauchten Bilder in meinem Kopf auf vom letzten Tag, vom Todestag, von der Beerdigung und unseren letzten Gesprächen. Am Nachmittag war ich für einen Event angemeldet. Das war ein Zufall. Ich hatte mich nicht angemeldet, weil ich «wusste», dass ich an dem Tag Ablenkung brauchen würde, denn das hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Mir wurde aber bewusst, wie es einen tragen kann, wenn man etwas tut, das einem Spass macht und Leute um sich herum hat, die ähnlich ticken. Man muss sie nicht mal besonders gut kennen. Wir dürfen auch mal unsere Schutzmauer oben lassen. Ablenkung ist natürlich nie die ultimative Lösung. Wie so oft kommt es auf das Mass an. Also mach ohne schlechtes Gewissen auch mal etwas, das dich auf andere Gedanken bringt.

Zeit mit deinen vorangegangen Liebsten verbringen

Genau so, wie es in Ordnung ist, für Ablenkung zu sorgen, ist es auch in Ordnung, in Erinnerungen zu schwelgen. Für mich persönlich ist es wichtig, Wege zu finden, um doch nochmals irgendwie Zeit mit meinen vorangegangenen Liebsten zu verbringen. Hier einige Ideen für solche Rituale:

Lieblingsessen

Heute werd ich Schnitzel Pommes Frites essen und eine Creme-Schnitte zum Dessert. Das war das Lieblingsessen meines Grossvaters und ich hatte es noch so oft für ihn gekocht in seinen letzten Jahren. Ich tue das, obwohl ich sonst sehr selten Fleisch und keine Milchprodukte esse, aber ich tue es für ihn, weil er das nun nicht mehr kann.

Was war das Lieblingsessen deiner Liebsten, die schon vorausgegangen sind? Vielleicht kannst auch du etwas für sie essen, dass sie selbst nun nicht mehr essen können.

Bewusster Gedenk-Moment

Einen bewussten kleinen Moment nehmen, und die Gedanken an den lieben Menschen zulassen – das tue ich gerne, weil ich mir dann Zeit genommen habe, gerade wenn der Tag so voll ist, dass eigentlich kaum Raum ist für anderes als die Arbeit. Das kann bei einem kurzen Spaziergang sein, einer Tasse Tee, einer kurzen Pause mit Blick aus dem Fenster, etc.

Schreiben

Schreib deine Gedanken einfach mal auf. Grammatik, Rechtschreibung und Struktur sind völlig egal. So wie ich es gerade mache in diesem Blogartikel. Du musst das niemandem zeigen. Du kannst deinen Text auch gleich wieder vernichten, wenn du möchtest. Schreibe deine Gedanken auch gerne mit Stift auf Papier. So gibt dir diese Übung viel mehr Raum zur Verarbeitung deiner Gedanken als wenn du es auf einer Tastatur tippst. Kannst du aber auch, ist auch nicht falsch. Schreib einfach, was dir in den Sinn kommt. Oder schmücke eine Geschichte aus. Denke an ein Erlebnis und schreibe es genau so auf, wie du es erlebt hast, was du dabei gefühlt hast, was du gut fandest, was du heute anders machen würdest. Oder schreib einen Brief.

Grab besuchen

Das hilft vielen Menschen. Ich persönlich mache das, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Wenn ich im Dorf bin, wo meine Grosseltern begraben liegen, gehe ich immer rasch hin, sage hallo und zünde in der Kirche eine Kerze für sie an. Persönlich bin ich ansonsten keine Kirchengängerin und würde mich auch sonst nicht unbedingt als religiös bezeichnen. Meine Grossmutter war jedoch sehr gläubig und wenn ich in der Kirche eine Kerze anzünde, dann tue ich das immer, weil sie das auch getan hätte und ich denke, dass sie wohl Freude dran hätte.

Musik hören

Musik findet immer einen besonderen Weg in unsere Seelen. Vielleicht verbindest du eine besondere Erinnerung an deinen geliebten Menschen mit einem Lied? Mein Grossvater liebte Musik. Heute werd ich vielleicht das «Munotglöggli» anhören, weil ich damit einige ganz spezielle Erinnerungen an und um meinen Grossvater verbinde. Ich werde zum Beispiel nie den Moment vergessen, als Tabea mit ihm nach der Beerdigung meiner Grossmutter dieses Lied gesungen hatte. Wenn ich meine Grossmutter vermisse, höre ich mir oft «The Gambler» an, obwohl sie das Lied wohl gar nie bewusst gehört hatte. Aber die Geschichte erinnert mich einfach immer an meine Grossmutter und wie für sie das Mogeln einfach zum Kartenspielen dazugehörte. Was übrigens der Grund ist für die fünf Asse und den «Härpfil» im Foto zu diesem Artikel.

Am Ende ist es zweitrangig, wie du mit deiner Trauer umgehst und solche Tage über die Bühne bringst. Das ist, wie gesagt, sehr individuell. Es gibt auch Personen, die solche Gefühle nie erleben – und das ist auch total in Ordnung. Wichtig ist, dass wir uns gegenseitig keine Vorwürfe machen und dass wir uns selbst nie dabei vergessen. Wir dürfen uns auch einfach selbst etwas Gutes tun. Abschiede gehören zum Leben dazu. Sie können extrem schmerzhaft sein, einige sind kaum zu verstehen, viele sind viel zu früh, aber am Ende sind sie etwas, das das Leben für uns bereithalten kann. Drum lass uns einen Umgang damit finden.

Hast du auch Strategien, die dir helfen? Schreib sie mir gerne, ich würde mich freuen, von dir zu hören.

denise@prodemenz.ch

Lieder-Adventskalender für Angehörige und Pflegende von Menschen mit Demenz

Es ist kalt geworden und die besinnliche Zeit beginnt so langsam. Weihnachten ist für uns eine gefühlvolle Zeit. Vielleicht sind wir total in besinnlicher Stimmung, aber vielleicht ist unser Herz auch etwas schwerer als sonst. Wenn du einen Menschen mit Demenz in der Familie hast oder hattest, weisst du genau wovon ich spreche. Was mir immer geholfen hat, ist Zeit mit meinen betagten Liebsten zu verbringen. Musik ist eine wunderbare Möglichkeit, ein paar leichte Stunden miteinander zu haben. Mit dem Lieder-Adventskalender wollen wir von ProDemenz dich dabei unterstützen, in dieser Vorweihnachtszeit viele schöne Erinnerungen mit deinen Liebsten zu schaffen.

Jeden Tag machen wir ein Türchen auf und stellen dir in einem kurzen Video ein Lied vor – mit spannenden Hintergrundinfos und dem Liedtext zum Download. Um kein Türchen zu verpassen, hast du auch die Möglichkeit, Erinnerungsemails zu abonnieren.

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Altersdepressionen: «Ich nütze nichts mehr»

Diesen Blog-Artikel habe ich zuerst auf dem ProDemenz-Blog veröffentlicht.

Artikel auf dem ProDemenz-Blog lesen

Zum 5. Welttag der Grosseltern und älteren Menschen

«Ich nütze nichts mehr.» Diese vier Worte meines 96-jährigen Grossvaters hallen noch heute in mir nach. Er sagte sie zu mir nach der Beerdigung unserer Grossmutter – leise, resigniert, als hätte er sich bereits aus dem Leben verabschiedet.

Das Motto des diesjährigen Welttags der Grosseltern lautet «Selig, wer seine Hoffnung nicht verloren hat». Aber was passiert, wenn die Hoffnung tatsächlich schwindet?

Wenn das Alter zur Last wird

Altersdepression ist ein Thema, das nicht in unser Bild vom würdevollen Altern passt – von weisen Grosseltern, die ihre Lebenserfahrung mit einem milden Lächeln teilen. Doch in der Realität leben leider in der Schweiz rund 16 Prozent der Frauen und knapp 8 Prozent der Männer über 65 Jahren mit einer mittleren bis starken psychischen Belastung (Quelle: ProSenectute). Mit steigendem Alter und bei Menschen mit Demenz erhöht sich diese Zahl noch einmal deutlich. Die Auslöser sind vielfältig: der Verlust des Partners, körperliche Einschränkungen, das Gefühl, überflüssig geworden zu sein. 

Wie wir reagieren können

Wichtig: Das Folgende sind Versuche, die wir als Laien unternehmen können. Wenn die Depression schwer wird oder anhält, braucht es professionelle Hilfe!

Das Leid anerkennen, statt es wegzureden: Bei meiner an Demenz erkrankten Grossmutter, die im Heim oft weinte, weil sie nach Hause wollte, half es nie zu sagen: «Aber du hast es doch gut hier.» Stattdessen versuchte ich es so: «Es tut mir leid, dass es dir so geht. Ich wünschte, es wäre anders.» Sie reichte mir die Hand und dankte mir, dass ich zuhöre. Auch später habe ich sie manchmal einfach in den Arm genommen und wir haben zusammen geweint.

Spiegeln: Bei meinem körperlich gesunden Grossvater, der sich nutzlos fühlte, versuchte ich einen anderen Weg. Ich fragte ihn: «Hast du das von unserer Grossmutter auch gedacht – dass sie nichts mehr nütze?» Er verneinte empört. «Hast du jemals das Gefühl gehabt, unsere Grossmutter sei uns zu viel geworden?». Wieder ein «nein», einfach etwas nachdenklicher. «Dann musst du mir doch glauben, dass wir dich auch nicht als nutzlos ansehen», sagte ich. «Du hast uns so viele Jahrzehnte lang so viel gegeben. Wir geben nun von Herzen gerne zurück.» Er bedankte sich für diese Worte und lächelte wieder. 

Frühere Gepflogenheiten ermöglichen: Als mein Grossvater kurze Zeit später selbst ins Pflegeheim zog, zeigte die Altersdepression wieder ihr wüstes Gesicht. Er hat vollends aufgegeben. Es war Weihnachtszeit und er hat jeglichen Service, der über Hospiz hinausging, abgelehnt. Er wollte sterben. Der Umgang mit dieser Situation würde mindestens einen weiteren Blog-Artikel füllen. Für den Moment sei einfach gesagt, es war noch nicht unmittelbar Zeit für ihn. Er musste schon noch ein bisschen ausharren. Ich wusste lange nicht, wie ich ihm diese Zeit ein bisschen erträglicher machen konnte. Als ich eines Tages verzweifelt in einer Bäckerei stand, um für ihn etwas Süsses (er hätte sich von Crèmeschnitten ernähren können) zu kaufen, fiel mein Blick auf einen Stapel kleine, liebevoll mit Geschenkpapier verpackte Schächteli. Und plötzlich dachte ich daran, dass er seinem Besuch immer irgendein Geschenk auf den Weg mitgab. Ich kaufte also 10 von diesen «Gschenkli» und brachte sie ihm vorbei mit den Worten: «Schau mal, die kannst du selber essen oder verschenken, wenn du findest, dass jemand eins verdient (Spoiler: Ich habe keins bekommen, aber meine Tante drei Stück… 😆). Vor dem nächsten Besuch rief er mich an und sagte: «Kannst du nochmals 15 von diesen «Gschenklis» bringen? Ich hätte in Tränen ausbrechen können. Das war sein erster Wunsch seit langem, der nicht mit seiner Beerdigung zu tun hatte.

Jeder Mensch hat eine Aufgabe

Was auch immer gut geholfen hat – und was ich aus tiefstem Herzen glaube – war das Zitat von Papst Franziskus, dass jeder Mensch eine Aufgabe hat. Jeder und immer. Auch mein Grossvater hatte noch eine Aufgabe, auch wenn er sie selbst nicht sehen konnte.

Wir machen oft den Fehler zu glauben, dass nur das Geben wertvoll ist. «Geben ist seliger als nehmen» –  dabei vergessen wir, dass das auch bedeutet, dass wir jemandem etwas Gutes tun, wenn wir ihn geben lassen. Ein Mensch, der nichts annehmen will, beraubte sich selbst der Möglichkeit zu geben. Im Umgang mit älteren Menschen – ob sie Demenz haben oder nicht – lernen wir auch, was uns selbst erwartet. Wir lernen Empathie und vielleicht, was wir alles noch tun sollten, solange wir können.

Bis zum Schluss

Mein Grossvater kämpfte bis zum Schluss mit dem Gedanken, dass er nichts mehr nütze. Erst auf seinem Sterbebett hat er sich damit versöhnt und stellte sich der Aufgabe, die eben auch ein Sterbender noch hat: Uns Liebe geben und Dankbarkeit zeigen zu lassen. Auch er sagte uns mit letzter Kraft noch «Danke» – mit einer Geste, denn sprechen konnte er bereits nicht mehr. Und er liess unsere Hände nicht mehr los und drückte sie fester, wenn wir sagten, dass wir nun gehen würden. Was wir nicht sagten, weil wir gehen wollten, sondern aus Respekt, weil er uns ansonsten jeweils weggeschickt hatte, wenn er müde wurde. Er wollte uns möglichst nicht belasten. Es war auf eine ganz eigene Art wunderschön, dass er am Ende seines Lebens diese Wand herunter liess und uns als Familie gemeinsam durch diese Zeit gehen liess. Jede und jeder konnte auf seine Art teilhaben – und gehen, wann er oder sie es wollte, und nicht aus Unsicherheit, ob er nicht lieber alleine wäre.

Hoffnung schenken

Hoffnung ist nicht etwas, das wir einfach haben oder nicht. Es ist etwas, das wir einander schenken können. Vielleicht können wir den älteren Menschen in unserem Leben heute etwas Liebes sagen. Denn manchmal braucht es nur unsere Worte, um die Hoffnung wieder zum Leben zu erwecken.

Der Wert eines Menschen liegt nicht in seiner Leistung oder Unabhängigkeit. Er liegt in seinem Sein.

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